Das Austauschen von Selbst mit anderen (oder zumindest das Auflösen der festen Grenze zwischen „mir“ und „dir“) ist eine wesentliche Grundlage für echtes Mitgefühl. Ohne diesen Perspektivwechsel bleibt der Geist in einer egozentrischen Verzerrung gefangen, die die Wirklichkeit anderer Lebewesen (und sogar unbelebter Objekte) verschleiert.
Hier verschiedene Begründungen:
1. Das Selbst als Trennwand (Tribalismus)
Robert Wright erklärt, dass die natürliche Selektion unser Gehirn darauf programmiert hat, uns selbst als „besonders wichtig“ wahrzunehmen.
Diese biologische Programmierung erzeugt ein Gefühl der Abgrenzung zwischen Selbst und Anderen. Solange wir an diesem „CEO-Selbst“ festhalten, beurteilen wir andere Lebewesen primär danach, welchen Nutzen oder Schaden sie für uns haben. Das Austauschen von Selbst und Anderen ist notwendig, um diesen „Stammes-Egoismus“ zu überwinden und zu erkennen, dass das Wohlergehen anderer genauso real und wichtig ist wie das eigene.
2. Die Projektion von „Essenz“
Wir vermischen oft unser eigenes Bild mit dem wirklichen Objekt. Wright nennt dies die Zuschreibung von Essenz. Wir nehmen Menschen nicht wertneutral wahr, sondern projizieren eine „Essenz“ (z. B. „der böse Feind“ oder „der attraktive Partner“) auf sie. Diese Essenz ist kein Merkmal der anderen Person, sondern eine psychologische Konstruktion, die durch unsere eigenen Gefühle (Anhaftung oder Ablehnung) erzeugt wird. Diese projizierte Essenz wirkt wie eine „Aura“, die die wahre Natur des Gegenübers verdeckt. Erst wenn wir diese Essenz (unser „eigenes Bild“) durch Achtsamkeit abbauen, können wir den anderen klarer sehen und echtes Mitgefühl empfinden.
3. Das Problem bei (un-)belebten Objekten
Die Vermischung von innerem Bild und äußerem Objekt findet auf zwei Ebenen statt:
- Begriffliche Wahrnehmung: Geshe Kelsang Gyatso erläutert, dass ein begrifflicher Geist ein Objekt immer durch das Medium eines „allgemeinen Bildes“ (mentalere Repräsentation) erfasst. Wir „sehen“ oft nur unsere Vorstellung vom Objekt, nicht das Objekt selbst.
- Affektive Bewertung: Sogar bei unbelebten Dingen (wie einem Auto) projizieren wir eine „Essenz“, die auf unseren Gefühlen basiert. Wir sehen nicht nur ein Metallobjekt, sondern eine „Ursache für Glück“ oder ein „Statussymbol“.
4. Mitgefühl durch Objektivität (Der „Blick von Nirgendwo“)
Wenn wir die Identifikation mit dem eigenen Ego lockern, erreichen wir einen Zustand der Unparteilichkeit. Wright beschreibt, wie das Wegfallen der egozentrischen „Essenz-Zuschreibung“ zu einer wahrhaftigeren Wahrnehmung führt. Diese Objektivität führt nicht zu Gleichgültigkeit, sondern zu einer universellen Sorge um das Wohlergehen aller. Es ermöglicht uns, die Realität des Schmerzes eines anderen so zu fühlen, als wäre es unser eigener.
Zusammenfassend: Das Austauschen von Selbst und Anderen bricht die illusionäre „Essenz“ auf, die wir auf andere projizieren. Erst wenn wir aufhören, andere durch die Linse unserer eigenen Bedürfnisse und Ängste zu betrachten, wird der Raum frei für ein Mitgefühl, das auf der Wirklichkeit des anderen basiert und nicht auf unserem eigenen Wunschbild